By the way 344 – öffentlich einsehbare Register sind öffentlich kommunizierbare Register.

Wie soll man als Fan des VfB Stuttgart mit dem umgehen, was der Club derzeit veranstaltet? Dass er nämlich einerseits im sportlichen Bereich mit Thomas Hitzlsperger, Sven Mislintat und Tim Walter drei Leute in verantwortlicher Position hat, denen man größtmöglichen Erfolg nur allzu gerne zutrauen und gönnen würde, obwohl sie in ihren Positionen erstaunlich wenig Erfahrung mitbringen. Obwohl man auf der Mitgliederversammlung gerne gefragt hätte, ob die Herren Supermanager in den Gremien das bei ihren Superunternehmen genauso handhaben würden – nämlich für das Unternehmen quasi lebenswichtige Projekte in den verantwortlichen Positionen ausschließlich mit, naja, Anfängern zu besetzen. Auch wenn Trainer Tim Walter nach Amateurstationen immerhin schon eine knappe Saison als Trainer des Zweitligisten Holstein Kiel auf dem Buckel hat. Aber die Redezeit war knapp, andere Dinge mussten angesprochen werden – und wie gesagt: nur allzu gerne wünscht man den drei Genannten, wünscht man „seinem“ VfB nach Jahren des Niedergangs endlich den Erfolg.

Wo einerseits ist, da muss auch ein andererseits sein. Und dieses andererseits hat es in sich. Denn wie sollen Thomas Hitzlsperger, Sven Mislintat und Tim Walter erfolgreich arbeiten, wenn sie von Gremien angestellt und kontrolliert werden, die einen Präsidenten wie den gerade nach unsauberster Amtsführung unsauberst Zurückgetretenen nicht nur zugelassen sondern sogar öffentlich gefeiert haben? Die gemeinsam mit ihrem Präsidenten den VfB Stuttgart zu einer internationalen Lachnummer und Skandalnudel haben verkommen lassen? Die es mit zu verantworten haben, dass nicht mehr der Glubb und nicht einmal mehr der HSV der Depp is sondern der VfB, dessen offizielle Social Media Kanäle sich teilweise auch nach dem schlimmen Rücktritt des Präsidenten inklusive Nachtretens gegen alle, sogar den eigenen Verein, noch relativierend für ihn ins Feuer werfen? Aufsichtsrat, Vorstand, Vereinsbeirat und Freundeskreis haben sich bis zu Allerletzt immer wieder vor ihren Präsidenten gestellt, ihn in Schutz genommen, die Unbedenklichkeit seiner Geschäfte versichert, Kritiker dieser Geschäfte diffamiert und sich zu Lob in den höchsten Tönen verstiegen („genau der Präsident, den wir wollten“). Obwohl im Handelsregister bis fast zu den Relegationsspielen gegen Union Berlin schwarz auf weiß nachzulesen war, dass der Präsident am sportlichen Erfolg der Eisernen ganz beträchtlich profitiert. Sie haben also entweder genauso gelogen wie der Präsident (wenn sie nämlich tatsächlich volle Kenntnis über die Geschäfte hatten), oder sie haben zumindest grob fahrlässig die Eintragungen im Handelsregister ignoriert und sich nur auf angebliche interne Vereinbarungen verlassen, die noch dazu allesamt der Verschwiegenheitspflicht unterlagen. Und das alles, obwohl seit 2016 immer wieder durchaus vernehmbar die Geschäfte des Präsidenten öffentlich erklärt und kritisiert wurden.

Was sind das für Gremien? Wie soll man solchen Gremien vertrauen?

Auch die DFL natürlich schon seit 2016 in zahlreichen Mails und Schreiben ganz unterschiedlicher Leute auf mögliche Interessenkonflikte des Präsidenten hingewiesen worden. Die DFL also, in deren Lizenzierungsordnung (LO) steht:

„Artikel 4: Rechtliche Kriterien

Für die Erfüllung der rechtlichen Kriterien ist es erforderlich, dass der Bewerber (...)

  1. in seiner Satzung oder dem Gesellschaftsvertrag sicherstellt oder sich hierzu verpflichtet, dass Mitarbeiter oder Mitglieder von Organen von Unternehmen, die zu mehreren Lizenznehmern/Muttervereinen oder mit diesen verbundenen Unternehmen in wirtschaftlich erheblichem Umfang in vertraglichen Beziehungen im Bereich der Vermarktung, einschließlich des Sponsorings, oder des Spielbetriebs stehen und/oder an ihnen beteiligt sind, nicht Mitglied in Kontroll-, Geschäftsführungs- und Vertretungsorganen des Lizenznehmers sein dürfen, wobei Konzerne und die ihnen angehörigen Unternehmen als ein Unternehmen gelten. Ebenso dürfen Mitglieder von Geschäftsführungs- oder Kontrollorganen eines anderen Lizenznehmers keine Funktionen in Organen des Lizenznehmers übernehmen. Für die Mitgliedschaft in Kontrollorganen des Lizenznehmers kann der DFL e.V. auf Antrag des Lizenznehmers eine Ausnahmegenehmigung erteilen. Der Antrag ist zu begründen.

 

  1. eine Liste mit den Namen der Mitglieder der Kontroll-, Geschäftsführungs- und Vertretungsorgane sowie eine schriftliche Erklärung vorlegt, aus der sich ergibt, dass bei der Bestellung der betreffenden Personen die in Nr. 4 genannten Voraussetzungen beachtet worden sind; (...).“

Jetzt soll mir einer erklären, dass die Beteiligung – und sei es mittels einer Firma, die nicht Quattrex heißt sondern VMM - eines Vereinspräsidenten an direkten Konkurrenten mit diesen Abschnitten der DFL-Satzung oder den entsprechenden Absätzen der VfB-Satzung vereinbar sei. Womöglich, weil der Präsident ja nur mittelbar beteiligt ist und auch nicht aktiv ins sportliche Tagesgeschäft eingreift, nicht die Mannschaft aufstellt? Weil die „VMM Consulting GmbH“ (an der Wolfgang Dietrich 100% hielt) mit "nur" 50% an der „Quattrex Finance GmbH“ beteiligt war? Weil diese Quattrex Finance GmbH nicht Träger der Verträge mit den anderen Lizenznehmern, also Bundesligisten war, sondern die Quattrex AG oder sonst eine Briefkastenfirma? Ist das die Grundlage des VfB, alles tipptopp und blitzsauber zu finden? Ging man erst Mitte Mai 2019, kurz vor den Relegationsspielen gegen Union Berlin zum Notar, um des Präsidenten Anteile an seinen, wait for it, Sohn zu überschreiben, weil die internen Vereinbarungen sich alle ausschließlich auf die Gefahr der Wettbewerbsverzerrung bezogen? Wer soll das alles schlüssig erklären, ohne sich komplett der Lächerlichkeit und obendrein womöglich auch noch rechtlicher Konsequenzen auszusetzen? Ich weigere mich bis heute, hier zwischen formaler und moralischer Unbedenklichkeit zu unterscheiden. Und versuche mir vorzustellen, was los gewesen wäre, wenn Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder mit Beteiligungen an direkten Konkurrenten Millionen verdient hätte. Oder MV Junior. Unvorstellbar, das. Die Fans hätten dem VfB die Hütte angezündet, mindestens.

Dass aber die DFL sich nach dem skandalumwitterten Rücktritt des Präsidenten genötigt sieht, auf Fragen bislang geflissentlich ignorierter Blogger und Twitterer einzugehen, sich zu diesen Fragen sogar an einem sonnigen Sonntagnachmittag in einer Pressemitteilung – übrigens mit dem sehr interessanten Einschub „vorbehaltlich der tatsächlichen Umsetzung dieser Bekundungen“ - zu äußern und diese Pressemitteilung wenig später obendrein noch nachzubessern... nachdem sie zuvor, also noch zu Amtszeiten des Präsidenten nicht den geringsten Anlass sah, sich überhaupt dazu zu äußern – das ist ja schon ein ganz besonderes Schauspiel. An Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Und ganz und gar nicht dazu angetan, wie auch immer geartete Klarheit zu schaffen. Da kann ein Redakteur der Stuttgarter Nachrichten noch so oft, gerne auch am 21. Juli 2019 noch, schreiben: „Dietrich, so bestätigt das auch die DFL, hatte im Vorfeld seiner Wahl zum VfB-Präsidenten im Herbst 2016 für Transparenz gesorgt.“

Ganz im Gegenteil und ganz bewusst soll mit diesen Statements eine weitere Nebelkerze gezündet werden, um die auch rechtlich nicht ganz uninteressante Tatsache zu verschleiern, von der wahrscheinlich alle Kenntnis hatten: dass nämlich der Präsident und Aufsichtsratsvorsitzende des VfB Stuttgart e.V und der AG die ganze Zeit zumindest mittelbar an Unternehmen beteiligt war, die mindestens über TV-Einnahmen auch am sportlichen Erfolg dieser Bundesligisten profitierten. Dass all die von der DFL geforderten „Bekundungen“ eben bis Mai 2019 überhaupt nicht umgesetzt wurden. Da braucht man nicht mit Verschwiegenheitsverpflichtungen zu argumentieren, nicht mit internen Vereinbarungen zu kommen. Denn – und auch das musste vor allen Winkeladvokaten und M&A-Profis erst ein „kleiner“ Twitterer so klar und treffend formulieren: Öffentlich einsehbare Register sind öffentlich kommunizierbare Register. Und wenn bis Mai 2019 im Handelsregister steht, dass der Präsident 100% der Anteile an einem Unternehmen hält, dass über ein weiteres Unternehmen vom sportlichen Erfolg bzw. den TV-Einnahmen von u.a. Union Berlin ganz erheblich profitiert, dann kann doch keiner behaupten, das sei ja schon längst alles ganz anders, da gebe es interne Vereinbarungen, alle unter Verschwiegenheitspflicht, die genau das Gegenteil besagten.

Doch, halt, beim VfB können sie das, alle Gremien beim VfB können das. Aber wie ich als Mitglied nun den Verdacht loswerden soll, dass die da alle unter einer Decke stecken in diesen Gremien, dass die alle zusammen (Ausnahmen bestätigen die Regel) das alles gewusst und mitgetragen haben, und dass die alle immer noch überhaupt nichts kapiert haben – das kann mir wahrscheinlich niemand erklären. Oder?